Lehren aus 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen: Teil 6 – Internationale Zusammenarbeit

16.07.2026

In den vergangenen Monaten haben wir 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen aus Deutschland, Europa und Nordamerika genauer untersucht: ihre Entstehungsgeschichte, Governance-Modelle, Finanzierungsquellen, Stärken sowie mögliche blinde Flecken und Chancen. Diese Institutionen unterscheiden sich stark voneinander: Einige bestehen bereits seit Jahrzehnten, andere stehen noch in den Anfängen und müssen sich erst etablieren. Einige sind dauerhaft finanziert, während andere von einer Projektphase zur nächsten wechseln. In dieser sechsteiligen Reihe beschäftigen wir uns mit den für die Gründung einer deutschen Forschungssoftware-Institution relevanten Erkenntnissen aus dieser Analyse.

Forschungssoftware ist nicht an Ländergrenzen gebunden: Ihre Standards werden weltweit entwickelt, sie wird weltweit genutzt, und ihre Community ist von Anfang an grenzüberschreitend geprägt.

Die 19 untersuchten Institutionen zeigen, wie unterschiedlich der Grad der internationalen Vernetzung ausfallen kann und welch bedeutenden Unterschied diese Vernetzung ausmacht. Bei allen untersuchten Organisationen zeigte sich, dass internationales Engagement ein wiederkehrendes Merkmal erfolgreicher und einflussreicher Institutionen ist.

Ein Beispiel hierfur ist das Deutsche Netzwerk für Bioinformatik-Infrastruktur (de.NBI), das von Beginn an Mitglied des europäischen ELIXIR-Verbunds ist und somit Zugang zu Standards, Schulungen und gemeinsamen Diensten erhalten hat. Ein weiteres Beispiel ist das Software Heritage Archiv zur Langzeitarchivierung von Quellcode. Es wurde in Frankreich gegründet und hat internationale Mirror-Standorte eingerichtet, um sicherzustellen, dass die Bewahrung wesentlichen Codes nicht von einem einzigen geografischen Standort abhängig ist. Diese Beispiele veranschaulichen eine allgemeinere Erkenntnis aus der Analyse: Internationale Vernetzung erhöhen sowohl die Reichweite als auch die Widerstandsfähigkeit des deutschen Forschungssoftware-Ökosystems.

Eine zu starke nationale Ausrichtung kann zu einer Insellage führen, was in einem internationalen Forschungssystem von Nachteil ist. Die Analyse legt nahe, dass drei Formen des internationalen Engagements besonders wichtig sind. Erstens: Standards. Die wichtigsten Standards für Forschungssoftware sind international entstanden, oft durch Initiativen, an denen die deutsche Seite beteiligt war. Eine deutsche Forschungssoftware-Institution sollte bei diesen Bemühungen eine aktive Rolle spielen und die zukünftigen Standards mitgestalten. Dies erfordert nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch Personal, das die Zeit hat, sich in internationale Gremien und Initiativen einzubringen.

Zweitens: Netzwerke und Allianzen. In internationalen Vereinigungen wie der Research Software Alliance (ReSA) oder der Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA) werden gute Praktiken ausgetauscht, gemeinsame Positionen erarbeitet und kultureller Wandel gestaltet. Mehrere der untersuchten Institutionen beteiligen sich aktiv an solchen Initiativen und nutzen ihre internationale Sichtbarkeit, um ihren Einfluss auf nationaler Ebene zu stärken. Eine deutsche Forschungssoftware-Institution sollte daher bereits frühzeitig formelles Mitglied dieser Netzwerke werden.

Drittens: bilaterale Zusammenarbeit. Hier bietet sich eine besondere Chance für eine deutsche Initiative. Mit dem britischen Software Sustainability Institute (SSI) gibt es seit 2010 eine Pionierorganisation, die viele der heute international gültigen Standards mitgeprägt hat. Das niederländische eScience Center ist ein Vorbild für die Einbindung von RSEs in Forschungsprojekte und eine nationale Institution könnte in Deutschland eine ähnliche Wirkung entfalten. Die Digital Research Alliance of Canada ist ein föderales Modell, das in mancher Hinsicht der deutschen föderalen Struktur ähnelt und deshalb besonders übertragbare Lehren liefert. Eine deutsche Institution könnte durch gemeinsame Arbeitsgruppen, Austauschprogramme oder gemeinsame Veranstaltungen formelle Partnerschaften mit diesen Organisationen eingehen.

**Eine deutsche Forschungssoftware-Institution kann ihr volles Potenzial nur dann ausschöpfen, wenn sie von Grund auf international ausgerichtet ist. Die Mitwirkung an der Entwicklung von Standards, die Teilnahme an globalen Allianzen, der Aufbau strategischer Partnerschaften und die Verankerung internationaler Zusammenarbeit sollten Teil ihrer grundlegenden Struktur sein. Die internationale Zusammenarbeit ist der Schlüssel zu einem raschen Wandel für alle Beteiligten.

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