Lehren aus 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen: Teil 5 – Infrastruktur und Nachhaltigkeit
09.07.2026
In den vergangenen Monaten haben wir 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen aus Deutschland, Europa und Nordamerika genauer untersucht: ihre Entstehungsgeschichte, Governance-Modelle, Finanzierungsquellen, Stärken sowie mögliche blinde Flecken und Chancen. Diese Institutionen unterscheiden sich stark voneinander: Einige bestehen bereits seit Jahrzehnten, andere stehen noch in den Anfängen und müssen sich erst etablieren. Einige sind dauerhaft finanziert, während andere von einer Projektphase zur nächsten wechseln. In dieser sechsteiligen Reihe beschäftigen wir uns mit den für die Gründung einer deutschen Forschungssoftware-Institution relevanten Erkenntnissen aus dieser Analyse.
Beim Aufbau einer neuen digitalen Forschungsinfrastruktur ist die Versuchung groß, alles selbst machen zu wollen: eigene Website, eigene Identitätsverwaltung, eigene Repositorien, eigene Schulungsplattformen. Dieser Ansatz ist nachvollziehbar, da die vollständige Kontrolle als der direkteste Weg zu Qualität erscheint. In der Praxis erweist sich dieser Ansatz jedoch
meist als der teuerste, langsamste und fragilste. Eine wiederkehrende Erkenntnis bei allen untersuchten Institutionen war, dass eine nachhaltige Infrastruktur selten durch vollständige Eigenständigkeit aufgebaut wird. Stattdessen setzen erfolgreiche Organisationen in der Regel auf modulare, interoperable und gemeinsam genutzte Dienste und entwickeln Komponenten nur dann intern, wenn dies einen klaren Mehrwert schafft.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stammt aus der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Im Rahmen der Initiative für gemeinsame Basisdienste wurde ein herausragender Ansatz entwickelt: Zentrale Dienste werden für 26 Konsortien gemeinsam bereitgestellt. Das spart nicht nur Geld, sondern schafft auch Interoperabilität, von der jedes einzelne Konsortium profitiert. Zudem wird eine Denkweise etabliert, die sich auf andere Bereiche übertragen lässt: Wenn das, was alle benötigen, von einer einzigen Stelle bereitgestellt werden kann, lässt es sich als gemeinsame Ressource entwickeln und pflegen.
Ein weiteres Beispiel ist das Next Generation Sequencing Competence Network (NGS-CN). Innerhalb dieses Netzwerks koordinieren vier universitäre Sequenzierzentren ihre Dienstleistungen, sodass Forschende projektübergreifend auf einheitliche Qualitätsstandards, Arbeitsabläufe und Datenflüsse zurückgreifen können. Fällt eines der Zentren aus, etwa wegen eines Geräteschadens, können die anderen die Aufgaben übernehmen, ohne dass die Forschenden ihre Arbeitsabläufe ändern müssen. Diese operative Resilienz basiert auf gezielten Vereinbarungen, gemeinsamen Schnittstellen und einer Kultur, in der sich die Standorte nicht als Konkurrenten, sondern als Knotenpunkte in einem gemeinsamen Netzwerk verstehen. Ähnliche Formen der Koordination zeigten sich an mehreren der untersuchten Institutionen, was darauf hindeutet, dass Resilienz oft ebenso sehr eine organisatorische wie eine technische Errungenschaft ist.
Eine dritte Erkenntnis aus der Analyse betrifft die langfristige Wartung bestehender Software. Die Analyse legt nahe, dass eine der häufigsten Schwachstellen in Forschungssoftware-Ökosystemen nicht die Entwicklung, sondern die Wartung ist. Das britische Software Sustainability Institute (SSI) unterhält einen Wartungsfonds („Maintenance Fund”) in Höhe von 4,8 Millionen Pfund. Dieser ist speziell darauf ausgelegt, grundlegende Softwarepakete zu unterstützen, die in vielen Forschungsfeldern zum Einsatz kommen, deren Finanzierung jedoch von keiner einzelnen Institution allein getragen werden kann. In Deutschland wird die Entwicklung von Software durch Projektförderung finanziert, ihre Wartung jedoch nur selten unterstützt. Infolgedessen verfällt wertvolle Software oft, da ihre Wartung nicht mehr im Rahmen eines Förderantrags berücksichtigt werden kann.
Die Analyse deckte jedoch auch mehrere wiederkehrende Fallstricke auf, die bei der Konzeption jeder künftigen deutschen Forschungssoftware-Institution berücksichtigt werden sollten. Institutionen, die ausschließlich aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ist es oft untersagt, ihre Dienste an Nichtmitglieder zu erbringen - ein zentrales Problem, das sich aus dem Beihilferecht ergibt. Was nach einem juristischen Detail klingen mag, hat erhebliche Auswirkungen auf die Skalierbarkeit. Eine Forschungssoftware-Institution sollte daher ihre Mitgliedschafts- und Dienstleistungsstrukturen so gestalten, dass sie rechtlich flexibel bleibt, ohne ihre Gemeinnützigkeit zu gefährden. Darüber hinaus sollte Infrastruktur modular konzipiert sein, mit definierten Schnittstellen, die das Zusammenspiel mit anderen Initiativen erlauben. Sie sollte dort gemeinsam entwickelt werden, wo der Bedarf von vielen geteilt wird. Und von Anfang an sollte sie einen expliziten Wartungsplan beinhalten, anstatt die Wartung als ein zukünftiges Problem zu behandeln.
Gemeinsam genutzte Infrastruktur stellt keinen Kostenkompromiss, sondern einen Wirkungsmultiplikator dar. Eine deutsche Forschungssoftware-Institution sollte modular aufgebaut sein, mit anderen Initiativen vernetzt sein und so konzipiert sein, dass ein klarer Weg für die Wartung grundlegender Softwarepakete auch lange nach Abschluss der ursprünglichen Entwicklung gewährleistet ist.