Lehren aus 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen: Teil 4 – Karrierepfade und Anerkennung
02.07.2026
In den vergangenen Monaten haben wir 19 Forschungs- und Infrastrukturinstitutionen aus Deutschland, Europa und Nordamerika genauer untersucht: ihre Entstehungsgeschichte, Governance-Modelle, Finanzierungsquellen, Stärken sowie mögliche blinde Flecken und Chancen. Diese Institutionen unterscheiden sich stark voneinander: Einige bestehen bereits seit Jahrzehnten, andere stehen noch in den Anfängen und müssen sich erst etablieren. Einige sind dauerhaft finanziert, während andere von einer Projektphase zur nächsten wechseln. In dieser sechsteiligen Reihe beschäftigen wir uns mit den für die Gründung einer deutschen Forschungssoftware-Institution relevanten Erkenntnissen aus dieser Analyse.
Im deutschen Wissenschaftssystem schreiben Forschungssoftware-Entwickler:innen Software, die in Hunderten von Publikationen zitiert wird, ohne dass ihr Name genannt wird.
Sie pflegen Code-Basen, von denen ganze Forschungsfelder abhängen, doch gibt es für diese Arbeit keinen entsprechenden Karriereweg. Sie bauen Datenpipelines auf, ohne die moderne Wissenschaft kaum noch funktioniern könnte. Der Begriff „Research Software Engineer” (RSE) ist in anderen Ländern bereits fest etabliert, aber in den meisten deutschen wissenschaftlichen Institutionen noch immer eher eine Selbstbezeichnung als ein anerkannter beruflicher Karriereweg.
Die 19 untersuchten Institutionen bieten verschiedene Modelle, die zeigen, wie nachhaltige Karrierewege für Personen geschaffen werden können, die Forschungssoftware entwickeln. Ein Beispiel stammt vom niederländischen eScience Center, in dem Forschungssoftware-Entwickler:innen (RSEs) feste Stellenprofile mit klaren Verantwortlichkeiten, Aufstiegsmöglichkeiten und Beförderungskriterien haben. Die Organisation beschäftigt rund 60 Personen, darunter überwiegend erfahrene RSEs, und ist damit der Ort mit der höchsten Konzentration dieser Fachkompetenz in den Niederlanden. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass wirksame Karrierepfade nicht mit befristeten Verträgen einhergehen müssen. Ein zweites Beispiel stammt vom britischen „Computational Science Centre for Research Communities“ (CoSeC). Dort arbeiten sogenannte „Research Technical Professionals“ (RTPs) mit einer Vielzahl an Hintergründen und Fertigkeiten in einem unterstützenden Arbeitsumfeld innerhalb der britischen National Laboratories. Das Centre bietet zudem finanzielle Unterstützung für Besuche im Rahmen von Kooperationsprojekten und betreibt ein Stipendienprogramm, das die berufliche Weiterentwicklung und den Aufbau von Netzwerken fördert.
Ein gleichermaßen wichtiger Aspekt, der sich aus der Analyse ergibt, ist die Anerkennung der Entwicklungsarbeit innerhalb des akademischen Systems selbst. An den meisten deutschen Hochschulen gibt es derzeit keine formalen Kriterien für die Bewertung von Forschungssoftware und deren Entwicklung im Rahmen akademischer Evaluierungen oder Prüfungen. Software-Beiträge werden, sofern sie überhaupt anerkannt werden, als sekundäre wissenschaftliche Leistungen betrachtet, die weit hinter textbasierten Publikationen oder der Einwerbung von Drittmitteln rangieren. Zudem sind die Gehaltsstrukturen für RSEs in Deutschland oft so stark an den traditionellen akademischen Mittelbau angelehnt, dass sie für Personen mit zehn oder mehr Jahren Berufserfahrung schlichtweg nicht konkurrenzfähig sind. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Wer sich hochqualifiziert hat, wechselt oft in die Industrie. Es müssen sich daher nicht nur Denkweisen ändern, sondern auch konkrete Anstellungs- und Bewertungsstrukturen, die akademische Karrieren prägen.
Die Erfahrungen der untersuchten Institutionen deuten darauf hin, dass spezialisierte Organisationen eine wichtige Rolle bei der Festlegung gemeinsamer Standards, der Förderung der beruflichen Anerkennung und der Koordinierung nationaler Gemeinschaften spielen können. In allen untersuchten Organisationen zeichneten sich erfolgreiche Modelle häufig durch klar definierte Karrierestrukturen, gemeinsame berufliche Standards und ein aktives Eintreten für die Anerkennung der Arbeit im Bereich Forschungssoftware aus. Ausgehend von diesen Beispielen könnte eine deutsche Forschungssoftware-Institution einen substanziellen Beitrag leisten, indem sie standardisierte Stellenprofile für klar definierte Karrierestufen und Kompetenzen entwickelt, in Zusammenarbeit mit den relevanten Wissenschaftsorganisationen gemeinsame Bewertungskriterien erarbeitet und Software-Publikationen als anerkannten und festen Bestandteil akademischer Publikationsprozesse etabliert. Diese Mängel kann eine solche Institution nicht alleine beheben, aber sie kann Fürsprache organisieren und den Wandel vorantreiben, indem sie Gehaltsvergleiche veröffentlicht, bewährte Verfahren dokumentiert und mit Wissenschaftsorganisationen über die Einführung neuer Stellenkategorien und Karrierepfaden verhandelt.
Die Entwicklung von Forschungssoftware setzt voraus, dass die Menschen, die sie entwickeln, angemessen anerkannt werden. Ein nationaler Karriere-Rahmen mit klar definierten Stufen und marktüblichen Gehältern sowie der formellen Anerkennung als wissenschaftliche Arbeit sind notwendige Voraussetzungen dafür, dass Forschungssoftware in Deutschland eine nachhaltige Zukunft hat. Es sind die Menschen, die Forschungssoftware-Exzellenz ermöglichen und sie verdienen die gebührende Anerkennung.